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Interview mit Roger Ewertz

Herr über Millionen Volt

Die fünf 220/65 kV-Umspannwerke des Landes bilden den Ausgangspunkt des Creos-Stromnetzes. Unmittelbar neben einem davon, nämlich in Heisdorf, ist das eindrucksvolle Dispatching angesiedelt, DER Kontrollturm für das gesamte Netz. Ein Gespräch mit Roger Ewertz, eine der wenigen Personen, die über Millionen von Volt verfügen.

Guten Tag, Roger. Beim Anblick Ihres Kontrollbildschirms wird wohl jeder Informatiker blass vor Neid! Könnten Sie uns diesen bitte näher beschreiben?

Er besteht aus zwölf Modulen, zwölf Hellraumprojektor-Bildschirmen, die die Überwachung des Netzes, das Vorgehen in Alarmsituationen und die Versorgung der einen oder anderen Sektion ermöglichen. Man kann wählen, ob man einen einzigen Großbildschirm angezeigt haben will oder eher zwölf kleinere, je nach Bedarf. Jeder Dispatcher geht mit dem Tool auf seine eigene Art und Weise um. Zumeist verwende ich vier Module, um das Schema des nationalen Netzes darzustellen, und acht Bildschirme, um verschiedene Listen oder Protokolle anzuzeigen. Der Wandbildschirm ist mit den Monitoren der Arbeitsplätze verbunden, mit der Maus gelangt man vom einen zum anderen: Effizient und praktisch.

All die verschiedenen Farben: Was haben diese zu bedeuten?

Im Schema des Hochspannungsversorgungsnetzes der verschiedenen Transformatoren besitzt jeder 220/65kV-Transformator eine eigene Farbe. Man hat somit eine sehr gute Gesamtübersicht über die verschiedenen Ringleitungen. Die 220kV-Leitungen sind einheitlich in dunkelblauer Farbe dargestellt.

Welche Ausbildung haben Sie absolviert?

Ich habe nach Abschluss des dreizehnten Schuljahres in Luxemburg ein Diplom als Elektrotechniker erlangt. Nun arbeite ich bereits seit 24 Jahren hier. Dies war übrigens meine erste Stelle nach dem Schulabschluss.

Regulieren Sie den ganzen Stromverkehr vom Creos Netz ganz alleine?

Ja und nein. Im Dispatching ist ein einziger Dispatcher ununterbrochen auf seinem Posten; wir sind jedoch acht Personen, die sich gegenseitig ablösen. Unsere Arbeitsschichten sind gleichmäßig auf acht Wochen aufgeteilt – Tag- und Nachtarbeit. Wir arbeiten vier Wochen im Dispatching und sind vier Wochen lang in Reserve, eine davon in Bereitschaft.

Das heißt, Sie wohnen hier vor Ort?

Nein. Aber wenn man Bereitschaftdienst leistet, muss man in der Nähe bleiben, denn man muss innerhalb von 30 Minuten vor Ort sein. Früher wohnten die Dispatcher tatsächlich in den Häusern unmittelbar nebenan und mussten nur die Straße überqueren, um einzuspringen. Seit der Einführung eines Bereitschaftsdienst- Systems von acht Personen ist dies nicht mehr nötig.

Ein unbedeutendes Ereignis hat keinen Einfluss auf die Versorgung. Erklären Sie uns bitte die doppelte Versorgung …

Praktisch alle Umspannwerke werden in einer Ringleitung versorgt. Wenn ein Leitungsstrang ausfällt oder wegen eines Einsatzes außer Betrieb genommen werden muss, wird lediglich eine Verbindung zwischen zwei Umspannwerken unterbrochen. So bleibt die Versorgung gewährleistet. Vor dem tatsächlichen Einsatz ruft das Team vor Ort an und verlangt die Unterbrechung eines Leitungsstranges und deren Erdung. Ich schalte die Leitung aus und stelle dabei sicher, dass die anderen Umspannwerke in Betrieb sind.

Könnten Sie die kritischste Wetterlage beschreiben, mit der Sie in Ihrer Laufbahn konfrontiert waren?

Ich erinnere mich an zwei Fälle. 1989 hatten wir eine Kältewelle. Im Norden des Landes mehrte sich der Eisnebel an den Hochspannungsleitungen. Das Gewicht der Leitungen erhöhte sich so sehr, dass einige davon brachen. Im Jahr 1990 gab es hingegen zweimal starke Unwetter mit Windböen von 200 km/h. Im Mittelspannungszentrum in Heisdorf rissen über 70% der Freileitungen. Bei ihrer Erneuerung haben wir das Risiko miteinbezogen und hatten seither praktisch keine Probleme dieser Art mehr.

Roger Ewertz, herzlichen Dank.

Mit Vergnügen.